FC Basel: “Heilanddonner!”

Sein Ausbruch war wohltuend: Spontan. Euphorisch. Fast südamerikanisch. Pascal Flury ist kein Radioprofi, sondern Grundschullehrer. Am Wochenende sitzt er auf der Pressetribüne und kommentiert live die Spiele des FC Basel für die lokale städtische Internetplattform Barfi.ch. Bekannt wurde der Mann vor gut zehn Tagen, denn seine Jubelschreie in der Nachspielzeit des Heimspiels gegen Lausanne Sports sind legendär – nicht nur in der Region Basel: „Heilanddonner – was füür e Fuessballmatsch, do im Joggeli!“

Es ist seltsam: Der grosse FCB dominiert die Schweizer Liga nach Belieben. Nach vierzehn Runden beträgt der Vorsprung bereits zwölf Punkte. Statistiker haben herausgefunden, dass es sich bei der Schweizer Super League um die weltweit langweiligste Liga handelt – vor Wales, Norwegen, Venezuela und Weissrussland. Vielleicht schwebt gerade deswegen eine Art „November-Depression“ über dem Verein. „Wir Basler müssen das Verlieren wieder mal lernen“, sagt der Sportchef Georg Heitz. Die letzte Niederlage in der nationalen Meisterschaft liegt Monate zurück. Und doch ist die Stimmung getrübt. Trainer Urs Fischer reagiert bisweilen gereizt auf Fragen und stellt Journalisten bloss, wenn Sie es wagen eine kritische Anmerkung zu machen. Zu wenig attraktiv spiele die Mannschaft. Es fehle an Identifikationsfiguren in der Mannschaft. Im europäischen Vergleich hätte man den Anschluss an die grossen Mannschaften nun definitiv verloren. Fakt ist: Das Weiterkommen in der Champions League ist in dieser Saison bereits verspielt. Nächste Woche geht es gegen Ludogorez Rasgrad aus Bulgarien noch um den Platz in der Europa League.
Vielleicht kommt aber ja im Spiel gegen Arsenal London im Dezember nochmals Stimmung auf im St. Jakob Park. Und die November-Depression verzieht sich. Pascal Flury wird sicherlich wieder auf der Pressetribüne sitzen. Und leidenschaftlich einen Erfolg kommentieren. So wie in vergangenen Zeiten, als der FCB die grossen englischen Mannschaften wie Liverpool oder Manchester United geärgert hat. Heilanddonner!

Der FC Winterthur, einfach zum Verlieben

Lieber FCW. Wir kannten uns bisher nur sporadisch. St. Pauli war mal hier, das war unser erstes Date. Oder ein anderes Mal mit meinem Patenkind, das in der Stadt wohnt. Nun aber ist mein Zuhause nur fünf Minuten Fahrradweg von der Schützenwiese entfernt. Darum trage ich seit Juli die Saisonkarte in meinem Portemonnaie. Und nun, lieber FCW, trage ich dich seit letztem Montag auch im Herzen.
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BLICK VON DER NEUEN OSTTRIBÜNE: Vorne die Bierkurve mit den FCW-Fans, dahinter die kleine Sirupkuve und gegenüber die Haupttribüne mit Estrade.

 
Ein schlechtes Gewissen beschlich mich in den letzten Tagen. Eigentlich habe ich „meine“ Vereine doch schon seit Jahren, ja Jahrzehnten. Ich folge intensiv dem FC Basel und dem HSV aus Hamburg. Dies ist wie Himmel und Hölle: Der eine Verein liegt nach nur sieben Spielrunden mit neun Punkten Vorsprung an der Spitze und wird im nächsten Frühling zum achten Mal in Serie Schweizer Meister. Ganz anders der zweite Verein – nervenaufreibend, enttäuschend, anstrengend. Meine Fussball-interessierten Schüler machen sich immer montags ein Spielchen daraus, mal in einer Lektion einen Witz über die Rothosen fallen zu lassen. Dagegen bist du, lieber FCW, richtig wohltuend: Zufrieden im Mittelfeld der Challange League, so heisst die 2. Liga in der Schweiz, keine Ambitionen nach oben, ein sicherer Abstand nach unten und dennoch stets mit guter Laune. „Erstklassig zweitklassig“ lautet dein Lebensmotto und jeder Besuch auf der Schützenwiese ein besonderes Erlebnis: Die neu erbaute Osttribüne kommt dir gut. Die Typen in der Bierkurve, dem harten Kern, machen ordentlich Lärm. Dahinter der Salon Erika: In diesem Bauwagen hängen Kunstbilder zur Ansicht und Freiwillige verkaufen während der Spiele nicht Bier, sondern Cüpli (Prosecco). Du bist quer in der Landschaft, FCW, das gefällt mir. Ich treffe alte Arbeitskollegen, meinen Nachbar und auch der Präsident des Quartiervereins gesellt sich zu unserem Grüppchen. Nicht belegt war an diesem Abend die Sirupkurve. Auf der überdeckten Extra-Tribüne nehmen normalerweise etwa hundert Kinder den Platz, trommeln wie wild auf fix installierten Pauken und trinken für 20 Franken pro Jahr uneingeschränkt Sirup am Verkaufsstand nebenan. Es ist das beste Fanprojekt für Kinder, das ich je gesehen habe. Auch das Spiel am letzten Montag war richtig mitreissend: Gute Chancen hüben wie drüben. Lattenknaller und Elfmeter. Schön herausgespielte Züge und herrliche Tore. Danke, für den fantastischen Fussball-Abend bei Flutflicht. FCW, du bist einfach zum Verlieben.
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HEREINSPATZIERT: Die Spieler beim Aufwärmen, Zuschauer strömen auf die Schützenwiese.

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HEISSHUNGER: Eine lange Schlage beim Freddy’s Berliner Bike Grill.

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PROMINENTER SPÄHER: Stéphane Chapuisat, einst Stürmerstar beim BVB, heute Chef-Scout bei Young Boys Bern.

QUER IN DER LANDSCHAFT: Der Salon Erika mit Kunstausstellung, daneben ein Stand mit Shots.

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WAS DAS FAN-HERZ ALLES BEGEHRT: Breite Auswahl an Angeboten beim Verkaufsstand.

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SOLIDARITÄT: Nach dem Frauenstimmrecht auch die Frauenabteilung.

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AUSGELASSENE STIMMUNG: Blick aus der Bierkurve rüber zur neuen Osttribüne und dem prägenden Sulzer-Hochhaus dahinter.

Die Schweizer Fussball-Nati im Morgenrot

EURO-2016-Sieger-Besieger! Und dies gleich mit 2:0! Die Schweizer überraschten diese Woche mit einem beeindruckenden Sieg gegen Portugal in der WM-Quali. Der nächste Entwicklungsschritt dieser Mannschaft steht nun bevor: Die Schweizer Nati wird  zur erweiterten Weltspitze im Fussball aufschliessen – zu Recht!

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Die Wolken verziehen sich, Morgenröte macht sich breit: Das Matterhorn.

Weltpokalsiegerbesieger! Dieser Begriff ist unvergessen und eng verbunden mit dem FC St. Pauli. im Februar 2002 besiegte der Kiez-Club völlig überraschend die Bayern. Man druckte Fan-T-Shirts mit dem Begriff, verkaufte sie hunderttausendfach. Und stieg wenig später in die 2. Bundesliga ab. Anders die Schweizer Nati: Die Freude über den Überraschungssieg gegen Portugal ist gross, die Euphorie allerdings nicht ausufernd. Und Geschäfte macht man damit schon gar nicht. Im Gegenteil: „Die Füsse auf dem Boden lassen,“ befiehlt Vladimir Petkovic. Der schweizerisch-kroatische Trainer spricht kaum deutsch und sonderlich beliebt ist er auch nicht im Land. Doch er wird erfolgreich sein. Sehr erfolgreich. Spätestens im Jahr 2020 steht die Schweizer Nati in einem Halbfinale eines grossen Turniers. Das sind die fünf Gründe dafür:
  1. Die Mannschaft besteht mittlerweile ausschliesslich aus Legionären: Alle Schweizer Spieler, die eingesetzt wurden, spielen im Ausland, die meisten bei grossen Clubs und damit nicht mehr in der bescheidenen Super League – nicht mal beim FC Basel, nein: Sie sind in England, Deutschland, Italien, Frankreich und in der Türkei Zuhause.
  2. Granit Xhaka entwickelt sich zum grossen Mittelfeldstrategen der Schweizer: Er wird gerne als „Grossmaul“ verschrien, verschoss den entscheidenden Elfmeter an der EM gegen Polen und hat kein sonderlich gutes Image. Nanu: Xhaka ist einfach selbstbewusst, ruhig, reif, technisch versiert und verleiht der Mannschaft enorme Stabilität und Kraft. Man wird in Zukunft noch viel von Xhaka hören – bei Arsenal und in der Nati.
  3. Die Schweizer neu ganz abgeklärt: Bei der WM 2014 gegen Argentinien knapp in der Verlängerung gescheitert. An der EM 2016 gegen Polen im Elfmeterschiessen versagt. Nun aber war der Auftritt voller Besonnenheit und Stärke. Von Nervosität keine Spur. Im Gegenteil: Die zahlreichen Spieler mit Hintergrund aus Ex-Jugoslawien verleihen der Mannschaft eine Abgeklärtheit, die ihr gut tut.
  4. Siege gegen grosse Mannschaften gab es schon immer. Würde im Fussball der Weltmeister nach dem gleichen Prinzip ermittelt wie im Boxen – nämlich indem man den amtierenden Weltmeister besiegt – dann wäre die Nati schon 7 Mal Titelträger gewesen: 1939 (für 2 Spiele), 1941 (1), 1942 (2), 1945 (1), 1970 (2), 1985 (5) und 1994 (1). Inoffiziell hielt die Schweiz damit während 1124 Tagen den inoffiziellen Weltmeistertitel inne.
  5. Die Schweiz im Morgenrot: “Trittst im Morgenrot daher/ Seh’ ich dich im Strahlenmeer“ so lauten die ersten Worte der  Nationalhymne, dem Schweizer Psalm. Singen kann dieses Lied in der Schweiz kaum ein Spieler. Egal: Das Morgenrot steht für Aufbruch und Hoffnung, in der Traumdeutung für  Erlösung. Wer weiss, vielleicht gelingt in naher Zukunft wirklich mal ein ganz grosser Exploit!

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FC Thayngen: Ein Eigentor, das im Kopf bleiben wird

Thurgau heisst die Schweizer Gegend zwischen Schaffhausen und St. Gallen. Ein hübscher Flecken Erde ist das, sanfte Hügel überall und der Bodensee stets im Blick. Der Thurgau ist ein typisches Untertanengebiet. Die Gymnasialquote ist rekordtief, die Anzahl der Kühe pro 1’000 Einwohner dagegen sehr hoch, genauso wie der Wähleranteil der rechtskonservativen Partei SVP. Auf der Fußball-Landkarte tauchte der Thurgau bislang kaum auf. Bekanntester Thurguer Spieler ist Pascal Zuberbühler, der es mit den kahl rasierten Beinen immerhin in die „Nati“ geschafft und im Ausland gespielt hat. Aktuell kümmert er sich als Trainer um die Torhüter von Derby Country in England.

Letztes Wochenende sorgte ein Spiel aus der besagten Gegend für grosse Schlagzeilen: FC Diessenhofen gegen FC Thayngen. Die Schlüsselszene war in der 86. Minute bei Gleichstand 2 zu 2. Der Thaygen-Torhüter Christian Keller will ausklicken, doch statt den Ball weit nach vorne zu spielen, trifft er seinen eigenen Mann. Der Ball kullert ins Tor. Die Thurgauer Zeitung widmet dieser Tage dem kuriosen Tor eine halbe Zeitungsseite. Dabei fehlt die Konklusion: Dass nämlich Zubi statt in der Ferne auf der Insel lieber bei ihm in der Heimat Entwicklungshilfe in Sachen Torhüter leisten müsse!
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Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt

Die jährliche Tagung der Stehplatzhelden steht bevor. Barcelona und Valencia sind am nächsten Wochenende unsere Ziele; Camp Nou und Mestalla heissen die Tempel, die wir besuchen. 1’000 Kilometer im Flugzeug, für unseren Teilnehmer aus Skandinavien ist die Anreise mehr als doppelt so weit. Dazu viele Stunden im Auto zwischen den Spielen in Primera und Tercera División. Kein Problem für uns Groundhopper. Seit Monaten freuen wir uns auf das Treffen.
Katalanische Touristen in Winti
Die Reise beginnt morgen früh mit dem Spaziergang zum Bahnhof. Winterthur, im Quartier Inneres Lind. Friedenstrasse, Falkenstrasse, Schwalmenackerstrasse, Nelkenstrasse und dann kommt die Jakobstrasse. Hier im Haus mit der Nummer 7 hängt etwa drei Meter über Boden eine Gedenktafel an der Fassade. Inschrift: «Hier wurde am 22-XI-1877 Hans Gamper geboren, Gründer des Futbol Club Barcelona.» Die Geschichte des populärsten Fussballklubs der Welt beginnt direkt in der Nachbarschaft. Die Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Obwohl Gamper nur in seinem ersten Lebensjahr in Winterthur gewohnt hat, pilgern immer wieder katalanische Touristen in das Quartier und suchen die Spuren des Vereinsgründers.
Gampers Ziel war Fernando Poo – er landete in Barça
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Gamper war bekannt als hervorragender Fussballer, er nahm an Radrennen teil, war erfolgreicher Leichtathlet und spielte weiter Rugby und Tennis. 1898 hielt er die Laufrekorde über 800 Meter und 1600 Meter. Er war Mitgründer des FC Zürich und blieb Spieler des Vereins, bis er das Heimatland aus geschäftlichen Gründen (er war im Import/Export tätig) verliess, so wie viele andere Schweizer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Vater August hatte ihn zum Auswandern gedrängt. Zunächst sollte er nach Fernando Poo, damals spanische Kolonie in Afrika, ziehen, aber ein Aufenthalt bei Verwandten in Barcelona änderte alles. Hans Gamper liess sich vom sonnigen und mediterranen Klima erobern. Allerdings fehlte in der Stadt ein richtiger Fussballklub. Am 29. November 1899, nach einem Jahr Aufenthalt in Barcelona, gründete er als damals knapp 22-Jähriger zusammen mit anderen Fussballpionieren den FC Barcelona. Gracias, señor Gamper!

Schweizer Goalies in der Bundesliga – nur Durchschnitt

Dr Goali bin ig. Der Torwart bin ich. So lautet der Titel eines Romans, es ist vielleicht das bekannteste Werk von Pedro Lenz. Im Buch geht es nicht um Fussball, sondern es ist ein Blues einer Geschichte, die von traurigen Gestalten der Achtzigerjahren, vom langweiligen provinziellen Leben und von Enttäuschungen handelt. Autor Lenz selbst ist ein begnadeter Fussball-Kenner und Stadionbesucher. Für das „Magazin“ hat er darum auch vor einigen Monaten einen Aufsatz geschrieben. Er wollte dem helvetischen Torhüterwunder auf den Grund gehen: Wie kann es sein, dass in dieser Saison gerade fünf Schweizer Goalie in der Bundesliga spielen?

 Schweizer zwischen deutschen Pfosten, das hat es auch früher schon gegeben – nur viel seltener. Pascal Zuberbühler spielte etwa 2000/2001 – zwar nur für kurze Zeit – bei Bayer Leverkusen. Etwas später schaffte Jörg Stil den Sprung in die Bundesliga und hütete drei Jahre lang das Tor in Gladbach. Heute ganz anders: Es sind fünf Schweizer, die bei deutschen Vereinen in der laufenden Saison als Torhüter eingesetzt wurden: Roman Bürki (Dortmund), Diego Benaglio (Wolfsburg), Yann Sommer (Gladbach), Marwin Hitz (Augsburg) sowie Andreas Hirzel (HSV). Letztgenannter ist der Einzige, der nicht regelmässig zum Einsatz kommt, sondern hinter Adler und Drobny die Nummer 3 ist. Doch auch er kam bereits in dieser Saison zum Einsatz. Warum aber nun der Schweiz-Trend zwischen den Pfosten?

„Fehler sind verpönt – das macht uns zu guten Goalies“

Pedro Lenz glaubt, dass es einen tieferen gesellschaftlichen Grund gäbe: „In der Schweiz sind Fehler so verpönt wie wohl nirgendwo sonst auf der Welt“, schreibt er. Das Vermeiden von Fehlern gehöre zu nationalen Haupttugenden. „Da darf es uns nicht weiter wundern, wenn wir uns selbst im Fussball auf jener Position am wohlsten fühlen, auf der am wenigsten Fehler toleriert werden.“ Dennoch passieren auch den Schweizern Fehlgriffe – und dies eigentlich nicht selten. Die Süddeutsche Zeitung lästerte jüngst über Roman Bürki nach dem Spitzenspiel in München: „Jeder Torhüter hat einen sogenannten Signature-Move, zum Beispiel: Toni Schumachers Karatesprung, oder: Manuel Neuers Grätsche an der Mittellinie. Der Schweizer Bürki hatte bis Sonntag noch keinen. Nun darf er Patent anmelden auf: Den Hampelmann. Performte ihn beim 0:1 durch Müller noch unsicher, perfektionierte ihn beim 1:3 durch Lewandowski: Hände nach oben, Beine gespreizt.“

„Ein neuer Typ Schweizer Goalie“

Zu einem anderen Ergebnis in der Analyse kommt die Neue Zürcher Zeitung. Sie hat das Phänomen der Schweizer Torhüter ebenfalls über mehrere Seiten ausgebreitet. Eine Schlüsselfigur spielt dabei offenbar Patrick Foletti. Er ist seit 2009 Torhüterverantwortlicher beim Schweizer Fussball Verband (SFV) und führte in allen nationalen Nachwuchsmannschaften einen „neuen Schweizer Goalie-Typ“ ein. Dieser sollte agieren und nicht nur reagieren. Er sollte offensiv mitspielen und Angriffssituationen schnell auslösen können. Sommer und Bürki gehörten zu den Ersten, die nach diesem Konzept ausgebildet wurden – und starteten sehr früh durch.

Die Statistik lügt nicht – Schweizer nur Mittelmass

Schaut man sich nun die Statistik an und vergleicht die Leistungen der Schweizer in der Bundesliga, so sind sie Mittelmass: Die durchschnittliche Kicker-Benotung der ersten 10 Spielrunden gibt kein eindeutiges Bild über die Schweizer Qualität. Hitz aus Augsburg führt auf Platz 6 die Schweizer Gruppe an, der Durchschnitt der fünf Schweizer Goalies liegt bei 2.99. Die zehn deutschen Torhüter kommen auf einen Schnitt von 2.84. Ganz vorne im Ranking sind Fährmann (FC Schalke) vor Karius (Mainz). Immerhin liegen hinter den Schweizern noch andere Torhüter: Finnen, Norweger, Österreicher und Polen. Sie haben im Schnitt eine schlechtere Benotung.

Marcel Koller: Gestern der Trottel, heute der Ösi-Held

Es war die Pressekonferenz des Jahres, gestern in Wien: Marcel Koller, Teamchef der Österreicher tritt in der Baskenmütze auf und klemmt sich ein Baguette untern Arm. Weltklasse!

Ebenfalls sehenswert ist die “Expertenrunde” aus 2011, als Koller als neuer Teamchef bestellt wurde. Am Tisch sitzen Herbert Prohaska, Frenk Schinkels, Werner Gregoritsch, Roman Mählich, Ricardo Moniz, Helge Payer und Anton Polster. Einhellige Meinung: Koller taugt nix!

Die Fakten aus heutiger Sicht:

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“Stop it, Chirac!“ Ein Protest mit Folgen

In Deutschland regierte noch Helmut Kohl. In der Schweiz führte als letzter Kanton Appenzell Innerrhoden gerade erst das Frauenstimmrecht ein. Und in Schweden sorgte eine Protest-Aktion der Schweizer Fussball Nationalmannschaft weltweit für Schlagzeilen. Ab sofort wurden ähnliche Kundgebungen von der UEFA hart bestraft.
Es war eine mit Spannung erwartete Partie, die angesetzt war im Ullevi in Göteborg. Haargenau 20 Jahren ist es her: Am 6. September 1995 trafen Schweden und Schweiz in der Qualifikation zur EM aufeinander. Bei den Schweden spielten noch Topstars wie Tomas Brolin oder Martin Dahlin mit, die mit ihrer Mannschaft ein Jahr davor WM-Dritte wurden. Die Schweizer Mannschaft ebenfalls im Hoch – hatte sie doch 1994 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder an einem grossen Turnier teilgenommen und war auch zu diesem Zeitpunkt auf dem besten Weg, sich  für die EM 1996 zu qualifizieren.
Ohne Titel
Die Sonne stand noch hoch über dem Stadion, als die beiden Mannschaften auf das Feld kamen. Dann geschah etwas  Ungewöhnliches: Während aus den Lautsprechern die Nationalhymnen schepperten, rollten die Schweizer Spieler ein Laken aus mit der Schrift „Stop It, Chirac!“. Es war ein Protestzeichen gegen den französischen Präsidenten, der in diesen Tagen zu Testzwecken Atombomben auf dem Mururoa-Atoll zünden liess.

1994sutter-141464ec7f9588777eead8beaa305bb3Der damalige Bundesliga-Profi Alain Sutter (FC Bayern, SC Freiburg) wird im Zusammenhang mit der historischen Protestaktion häufig als Anführer genannt, dabei war es die ganze Mannschaft, die ein Zeichen setzen wollte. Jemand aus dem Betreuerstab habe ein Leinentuch und Spraydosen organisiert. “Ich habe das Teil schließlich mit aufs Feld genommen, und als die ersten Töne unserer Nationalhymne erklangen, habe ich mit den Kollegen das Laken entrollt“, sagte Sutter viel später der 11Freunde. “Das war absolut spontan und eine gemeinsame Aktion, alleine hätte ich das nie im Leben gemacht. Später hat man uns immer Naivität vorgeworfen, aber wir waren uns damals durchaus der öffentlichen Wirkung bewusst. Es ging vielmehr darum, unsere Haltung zu zeigen, als darum, irgendeinen Effekt zu erzielen.”

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Das Spielergebnis (0:0) ging schnell vergessen, der mutige Protest der Schweizer hingegen hatte aber Folgen – nicht direkt für Spieler oder die Mannschaft. Denn die Aktion stiess bei der breiten Bevölkerung und in den Medien auf Zustimmung. Deswegen verzichteten die nationalen oder europäischen Verbände auf eine Bestrafung. Doch die UEFA erliess aus Angst, ähnliche Aktionen könnten sich wiederholen, ein hartes Verbot für politische Kundgebungen. Und dies zeigte bis heute Wirkung. Schade eigentlich. Vielleicht wäre es gerade in diesen Tagen wieder mal an der Zeit für eine ähnliche Protest-Überraschung wie damals vor 20 Jahren.

Der FC Basel ist out – ein Glück für den Schweizer Fussball

Das Kalenderblatt zeigt noch August. Und doch ist das Rennen um die Schweizer Fussballmeisterschaft wohl bereits entschieden: Nach nur sechs Spielrunden führt der FC Basel mit sechs Punkten Vorsprung auf die Verfolger die Tabelle an. Ein Glück, dass der Verein die erneute Qualifikation für die UEFA Champions League nicht geschafft hat. Ansonsten wäre die wirtschaftliche Dominanz des FCB im Schweizer Fussball erdrückend geworden. 

Die Entwicklung erinnert irgendwie an den englischen Sketch “Dinner for One”, als dort James schon leicht betrunken fragt: “The same procedure as last year, Miss Sophie?” Diese erwidert: “The same procedure as every year, James.” Es sieht ganz danach aus, dass der FC Basel auch in dieser Saison wieder die Meisterschaft für sich entscheiden wird. Zwar sind erst sechs Runden, damit nicht mal 20% der Spieltage absolviert. Dennoch ist der FCB bereits der Konkurrenz enteilt: 6 Spiele, 18 Punkte, maximale Ausbeute. Gewiss, nicht in jeder Partie spielte der Meister herausragend. Doch der Kader der Basler ist derart stark, dass sich selbst die Doppelbelastung mit den Qualifikationsspielen zur Champions League nicht als Nachteil herausstellte. Holt der FCB in dieser Saison wiederum den Titel, es wäre der siebte in Folge, so qualifiziert sich der Verein im nächsten Jahr direkt für die Gruppenphase der Königsklasse.

Das Geschäftsmodell der Basler ist beeindruckend: Jahr für Jahr steigerte der Verein die Umsätze (im letzten Jahr waren es zum ersten Mal über 100 Mio. CHF). Dabei plant Basel jeweils mit einem „strukturellen Defizit“. Da aber die ausserordentlichen Transfererlöse sowie die Einnahmen aus der Champions League derart sprudeln, hat der Verein mittlerweile ein komfortables finanzielles Polster aufgebaut. Dabei hat insbesondere der Fakt Champions League in den letzten drei Jahren einen wichtigen Einfluss auf die Transfererlöse: Können sich die Spieler im internationalen Schaufenster zeigen, steigert dies deren Marktwerte. Und der Verein schafft es mit einer hohen Konstanz, die grössten Schweizer Talente zu entdecken, aufzubauen, zu fördern und dann teuer zu verkaufen – meist in die Bundesliga. In den letzten drei Jahren wechselte fast die halbe Schweizer Nati über den FCB nach Deutschland: Fabian Schär (Hoffenheim), Fabian Frei (Mainz), Yann Sommer (Gladbach), Valentin Stocker (Hertha Berlin), Granit Xhaka (Gladbach), Xherdan Shaqiri (FC Bayern, später Inter, jetzt Stoke), dazu kamen weitere lukrative Transfers wie Drells Gonzalez und Alexandar Dragovic zu Dynamo Kiew, Serey Dié nach Stuttgart, Raul Bobadilla zu Augsburg, Mohamed Salah zu Chelsea oder Marcelo Diaz zum HSV.

Während in der Bundesliga so viele Schweizer Fussballer spielen wie noch nie, verliert die Schweizer Liga damit an Attraktivität. Und dabei heisst sie auch noch Super League. Die Zuschauerzahlen sind zwar konstant oder leicht steigend, doch irgendwie machen sich die Konkurrenten vom FC Basel selber das Leben schwer. Mit grossmütigen Ankündigungen, nun endlich die Vormachtstellung des FCB brechen zu wollen, starten die Vereine jeweils im Sommer einen Kampf, den sie dann aber sehr schnell zu verlieren scheinen. So haben sowohl der FC Zürich, wie auch die Young Boys Bern nach nur zwei Spielrunden ihre jeweiligen Trainer von ihren Aufgaben entbunden. Und der FC Basel hat derweil eine zur Hälfte neu formierte Mannschaft zusammengebaut und sie auf Erfolgskurs gebracht. Einziger Stolperstein war vorgestern die Qualifikation gegen Maccabi Tel Aviv. Doch dies ist ja eigentlich gut für den Schweizer Fussball.

SC Brühl St.Gallen in der höchsten Liga der Herzen

Der Quartierverein hat Charme. Er hat Herz, eine lange Tradition und angeblich die beste Stadionwurst der Schweiz. Dass der SC Brühl St. Gallen auch weltoffen ist, hat er am Samstag bewiesen. Beim Spiel in der Promotions-League, der dritthöchsten Schweizer Liga, führte er eine besondere Aktion durch: Alle Flüchtlinge der Ostschweiz wurden zum Spiel eingeladen. „Unser Ziel war es, mit dieser Einladung ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Es ist ein Willkommenszeichen“, so Vereins-Präsident René Hungerbühler. Die Aktion ist eingebettet in eine Gesamtphilosophie des Vereins. Der SC Brühl ist Träger des Qualitäts- und Integrationslabels “Sport verein-t“. Er verpflichtet sich damit zur gelebten Integration von Menschen jedwelcher Herkunft, zu einem menschlichen Umgang im Vereinsleben und zur Förderung des Ehrenamts.
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Am Samstag waren 800 Zuschauer im Stadion, ungefähr 70 Flüchtlinge sind der Einladung des Vereins gefolgt, wurden mit einem Fan-Schal beschenkt und mit Getränken versorgt. Die Spielstätte des SC Brühl heisst Paul Grüninger Stadion. Dieser Name steht für ein bewegtes Stück Schweizer Geschichte: Grüninger, erst ausgebildeter Lehrer, spielte ab 1913 als Flügelstürmer in der ersten Mannschaft des SC Brühl und gewann vor knapp hundert Jahren die Schweizer Meisterschaft mit dem Verein. Lange Zeit war er danach auch Vereinspräsident. Bekannt wurde Paul Grüninger nicht (nur) als Fussballer – er arbeitete ab 1919 als Polizist und hat in den Jahren 1938 und 1939 als leitender Grenzbeamter mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung gerettet. 1939 wurde er deswegen vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension aberkannt. 1940 wurde Paul Grüninger wegen Amtspflichtverletzung zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt. Grüninger lebte bis zu seinem Tod verarmt und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. 1993 wurde Grüninger durch die St. Galler Regierung politisch rehabilitiert und 1994 veröffentlichte die Schweizer Regierung eine Ehrenerklärung für ihn. Erst 1995, und damit 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil in der Sache Paul Grüninger auf und sprach ihn frei.
Einige Eindrücke vom friedlichen Nachmittag am Samstag im Paul Grüninger Stadion.
Das Spiel gewann das Heimteam gegen den FC Tuggen mit 5:0:
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