Karma Chameleon: Zur endlosen, endlos übertriebenen Schiedsrichterdebatte

Flo 15. Dezember 2013
Chamäleon

Tatort Hannover. Nürnbergs Trainer Gertjan Verbeek brachte es auf den Punkt, als er feststellte, dass der 2:3-Anschlusstreffer für Hannover “abseits war. Nicht Zentimeter, sondern einige Meter”. Innenverteidiger Per Nilsson zeigte nach Abpfiff gefühlt jedem in Hannover, wie weit im Abseits Mame Diouf vor dem Tor stand (nämlich eine schwedische Armspanne weit), und auch er hatte recht. Und dennoch: Zum einen handelte es sich hier schlicht um Bundesligakarma, und zum anderen um ein weiteres Zeichen, dass wir keine Schiedsrichterdebatte brauchen, sondern Schiedsrichter, die an der Debatte über sich selbst aktiv teilnehmen.

“Wahnsinn in Hannover”, “Nürnberg wittert Verschwörung”, dies sind nur zwei der chronisch hyperbolischen Schlagzeilen, die man heute lesen kann über ein am Ende (für, machen wir uns nichts vor, etwa 2 Tage) denkwürdiges Bundesligaspiel. Wir kennen das Spielchen ja mittlerweile. Auf der einen Seite die “boulevardeske Medialisierung von nichts”, wie es der bloggende Kickeremeritus Hans Sarpei kürzlich sehr schön auf den Punkte brachte, und auf der anderen Seite vereinsnahe Gerechtigkeitsfanatiker, die sich systematisch verpfiffen fühlen. Da ist man ein “kleiner Pissverein” (Lieberknecht), da muss “für einen Elfer erst einer im im Strafraum erschossen werden” (Veh), und da spricht man von einem “Skandalspiel” (Dufner), wenn es mal gegen einen läuft. So weit, so emotional verständlich.

Sollte die handelnden Akteure das aber auch noch ernst meinen, wenn der Puls wieder im zweistelligen Bereich liegt, so haben sie entweder ein leichtes Wahrnehmungsproblem oder eine ganz eigene Agenda, die sie im Duett mit den fußballaffinen Medien auswalzen wollen. Denn so platt es auch ist, nüchtern betrachtet gleichen sich die strittigen Entscheidungen im Laufe einer Saison immer wieder aus. Ehrlich. Nehmen wir nur mal das Beispiel Hannover 96: Das Ganze kann sich innerhalb eines Spiels regulieren: Im Spiel gegen Frankfurt wurde erst ein eigenes Tor (knapp, aber wohl zurecht), dann ein Elfmeter für den Gegner (knapp, aber wohl zurecht) nicht gegeben. Unentschieden, keine Diskussion notwendig.

Karma ist aber vor allen Dingen etwas Langfristiges: Das “Skandalspiel” gegen Hoffenheim war sicherlich keines, aber eben auch keine brillante Leistung von Schiedsrichter Stieler. (Gefühlter) Nachteil Hannover, da wurde fleissig über den Schiedsrichter diskutiert. Dann kam diese Woche 96-Trainer Mirko Slomka mit der 120%-Sehschärfe-Beobachtung ums Eck, dass Konstantin Rauschs Treffer zum 4:2-Entstand für den VfB Stuttgart in der letzten Woche “ein bisschen abseits war. Ein bisschen abseits ist auch abseits, oder ist ein bisschen abseits nicht abseits?”. Also: Ein bisschen Nachteil Hannover, ein bisschen Diskussion über (ausgebliebene) Pfiffe. Und gestern halt ein Tor, dass nicht nur ein bisschen abseits war, sondern so richtig. Und zählte. Vorteil Hannover, und zwar so richtig. Zumindest dem Autoren dieser Zeilen zeigt dies unmissverständlich: Der Restanteil Hoffenheimkarma hat hier geholfen, und in der niedersächsischen Landeshauptstadt sollten jetzt die Schiedsrichterdebattieruhren wieder auf exakt Null gestellt werden.

Aber das ist nur ein Aspekt des Phänomens. Der andere ist eigentlich viel wichtiger, und nun auch wirklich ernst gemeint: Warum wird eigentlich 90% der Zeit über Schiedsrichter debattiert, ohne dass diese selbst etwas dazu sagen? Bis auf wenige Ausnahmen erscheint es fast so, dass die Unparteiischen nach dem Schlusspfiff wie Chamäleons mit den Stadionmauern verschmelzen, um möglichst unbemerkt und unzitiert aus den Katakomben zu verschwinden. Zumindest offiziell liegt kein Maulkorb vonseiten des DFB vor, und gerade Herr Kinhöfer hat in der Vergangenheit auch schon hier und da Stellung zu seinen Entscheidungen bezogen. Warum er dies (zumindest meiner televisuellen und webbasierten Recherche nach) gestern nicht tat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Und meinem Verständnis, denn eine zitierfähige Aussage könnte eventuelle und tatsächliche Fehlentscheidungen zwar nicht zurücknehmen, aber doch aus Sicht der handelnden Akteure darlegen, dass sie keine kompletten Blinzen mit Ochsentomaten auf den Augen oder Bestechungsschecks in der Gesäßtasche sind. Vielmehr könnte dadurch klarer werden, dass die Gespanne im Rahmen ihrer menschlichen Möglichkeiten schlicht bestimmte Dinge anders eingeschätzt haben, als dies Teleobjektiv, Zeitlupe und 28-fache Wiederholung tun (oder, machen wir uns nichts vor, auch nicht tun) können.

Beispiel das skandalöse Wahnsinnsabseitstor (…) gestern: Der geneigte Zuschauer kann nur spekulieren, warum der Linienrichter die Fahne unten ließ, aber eventuell hat er nicht die eklatante Abseitsstellung Dioufs übersehen, sondern den zwischenzeitlichen Ballkontakt von Valmir Sulejmani, der aus Sicht des Linienrichters durch den Verteidiger verdeckt war. Was im übrigen genau die Kehrseite des nicht gegebenen Treffers von Artur Sobiech gegen Frankfurt wäre, wo Schieds- und Linienrichter gesehen haben, dass der polnische Stürmer aus dem Abseits kam, ohne dass durch eine Ballberührung von Kollege Diouf eine neue Spielsituation entstanden wäre. Karma eben. Auch im Ausgleich von richtiger und falscher Schiedsrichterentscheidung.

Aber das Karma zwischen den medialen Optionen “Kommentatoren-debattieren-über-Schiedsrichter” und “Schiedsrichter-debattieren-über-sich-selbst-mit-den-Kommentatoren”, das ist mal so richtig aus der Balance. Schade.